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Einblick in Pflegeheim mit Corona-Infizierten


Ende März gab es die ersten Corona-Infizierten unter den Bewohnerinnen und Bewohnern und Mitarbeitenden im Seniorenhaus Kramerswiesen in Oerlenbach, einer Einrichtung des Diakonischen Werkes Schweinfurt. Vier Wochen später sind viele Erkrankte genesen und die meisten Mitarbeitenden wieder dienstbereit, getrauert wird um die Verstorbenen.
Nach dieser für alle Beteiligten sehr schweren Zeit haben wir ein Interview mit der Wohnbereichsleiterin Sarah Gottschall geführt.

Wie ist die Situation aktuell im Seniorenhaus Kramerswiesen in Oerlenbach?

Das Seniorenhaus Kramerswiesen ist eine sehr kleine Einrichtung. Es waren fast die Hälfte der Bewohner infiziert und die andere Hälfte eben nicht. Wir hatten letzte Woche nochmal eine Testung der negativen Bewohner, da hat sich soweit fast nichts bis auf einen Bewohner geändert. Sodass wir jetzt mit gutem Gewissen sagen können, dass wir gut gearbeitet haben und nichts weiter verschleppt haben. Das liegt natürlich daran, dass wir so schnell Maßnahmen einleiten konnten. Wir haben sofort alle Bewohner isoliert, die Doppelzimmer getrennt, haben diese in Einzelzimmer isoliert, jeder hatte dann also sein eigenes Zimmer. Auch haben wir versucht, so zu reagieren, dass eben ein Pfleger nur die Positiven versorgt, einer nur die Negativen. Wir wollten die Verschleppung so gering wie möglich halten.
Die Situation, ich würde sie vielleicht angespannt aber herzlich nennen. Angespannt deshalb, weil es trotzdem Konzentration erfordert, die Hygienemaßnahmen auf dem nötigen Level zu halten. Freundlich deshalb, weil wir alle wissen, wir sitzen im gleichen Boot. Die Bewohner versuchen, uns mitzuhelfen, so gut es geht, soweit sie es auch verstehen. Aber die meisten verstehen, was los ist. Das Pflegepersonal hat einen guten Umgang miteinander und auch mit den Bewohnern. Es wird dennoch viel gelacht, einfach, weil es der Seele guttut und weil es wichtig für alle Beteiligten ist. Auch deshalb, weil wir nicht so viel raus können, weil ja viel isoliert wurde. Deswegen versuchen wir, die Balkontüren aufzumachen, wir versuchen zu lachen, wir versuchen zu singen und einfach diese sowieso schon angespannte Situation ein bisschen, naja, freundlicher zu gestalten. Weil arbeiten müssen wir ja sowieso, mit guter Laune macht es dennoch mehr Spaß als mit schlechter Laune.

Wie geht es den Bewohnerinnen und Bewohnern und den Mitarbeitenden, kranken wie gesunden, in dieser schwierigen Situation?

Unsere Bewohner sind momentan alle stabil. Das einzige, was wirklich belastend ist, ist nicht das Coronavirus an sich oder, dass die Bewohner Angst haben, sie könnten positiv werden. Sondern das Belastende ist, dass sie nicht nach draußen können, dass die sozialen Kontakte eingeschränkt wurden. Wir geben unser Bestes, um das Ganze zu ersetzen. Aber das ist nicht möglich. Wir können aber Abhilfe schaffen. Unsere Betreuungsassistenten sind weiterhin im Schichtdienst, einmal früh und einmal spät. Sie singen, sie spielen Gitarre, sie machen ganz viel Einzelbetreuung, weil Gruppentherapie ja nicht möglich ist. Wir lesen Briefe vor, wir verteilen Geschenke. Wir machen alles, was möglich ist. Wir warten jetzt noch die nächsten Testergebnisse ab. Nächste Woche erfolgt nochmal eine Runde, dann können wir auch sagen, ob wir bald die Isolation der Bewohner aufheben können oder nicht. Aber wie gesagt, das wird alles erst mit dem Gesundheitsamt abgesprochen und mit Herrn Göbel von der Geschäftsleitung im Diakonischen Werk Schweinfurt.

Und den Mitarbeitern, da würde ich jetzt erst einmal pauschal behaupten, dass es allen gut geht, auch wenn es eine angespannte und schwierige Situation war.
Die kranken Mitarbeiter haben wir am Anfang regelmäßig abtelefoniert, wie es allen geht. Irgendwann wurde die Zahl der positiven Mitarbeiter doch mehr und das regelmäßige Telefonieren zum Marathon. Uns verfolgte oft die Angst, es könnte schwerwiegende Verläufe unter unseren Kollegen geben, deshalb machten wir uns nicht nur Sorgen um die Bewohner, sondern auch um unsere Kollegen. Die Mitarbeiter haben aber super gut Kontakt mit uns gehalten und haben uns immer gleich die neuesten Ergebnisse vom Gesundheitsamt mitgeteilt. Ich glaube, für viele war es auch schwierig, zuhause zu sitzen und die Füße still zu halten, weil jeder wusste, dass die Situation so angespannt war und jeder helfen wollte. Oerlenbach ist so ländlich und wir sind so klein, wir sind wie eine kleine Familie und da fällt es natürlich schwer, zuhause zu sitzen und abzuwarten, bis das Ganze durchgestanden ist.

Wie musste der Dienst seit den ersten positiven Testergebnissen organisiert werden?

Als es dann am 27. März soweit war, haben wir ein Sechs-Mann-Team auf die Beine gestellt und sind quasi in Oerlenbach eingezogen. Das erste Mal haben wir gesagt, wir bleiben fünf Tage am Stück, weil eben zu dem Zeitpunkt der Test erst am 28. März durchgeführt wurde und wir deshalb erst Anfang April wussten, wer von den Mitarbeitern tatsächlich positiv und negativ war. So haben wir als erster Trupp erstmal fünf Tage rund um die Uhr überbrückt. Zwei von uns haben den Nachtdienst ganz normal gemacht, haben aber früher angefangen, meist schon um 15 Uhr. Das heißt, sie haben den Spätdienst und den Nachtdienst überbrückt und die anderen vier haben eben den Frühdienst und den Spätdienst mit überbrückt. Das waren wahnsinnig lange Dienste. Aber das war am Ende unsere Rettung, weil so viel Personal, wie uns dann tatsächlich auch weggefallen war und wie in Quarantäne musste, hätten wir gar nicht abdecken können. Unsere Einrichtungsleitung Frau Pröschel hat die ganze Organisation sowie Kontakte zu den verschiedenen Behörden wie Gesundheitsamt und Katastrophenschutz übernommen und uns auch jeden Tag in der Einrichtung unterstützt, damit wir uns rein um das Pflegerische kümmern konnten.
Als wir dann weitere Ergebnisse hatten, konnten wir den nächsten Trupp von negativen Mitarbeitern aufstellen, die dann eben die nächsten fünf Tage gemacht haben. Wir haben aber ziemlich schnell gemerkt, dass fünf Tage echt ein Marathon sind und haben dann auf vier Tage reduziert. Aber mit diesem System konnten wir sage und schreibe 26 Tage ganz gut überbrücken bis jetzt wirklich die letzten Ergebnisse eingetrudelt sind und die Mitarbeiter so gut wie fast alle wieder zurückkommen können. Jetzt ist wieder ein geregelter Schichtdienst möglich.
Diese vier, fünf Tage am Stück waren hart, aber auch wieder herzlich. Wir haben uns zwischendrin auch Zeit genommen, viel für die Bewohner, viel für uns, weil wir die Zeit auch gebraucht haben. Für die Bewohner war es wichtig, dass sie auch kontinuierlich die gleiche Person als Ansprechpartner hatten. Damit sie sich einfach auch so wohl fühlen, denn ständiger Wechsel wäre in dieser Situation auch nicht so toll gewesen.
Die Einstellung des Schichtwechsels war dahingehend gut, weil wir so eine Verschleppung eben völlig unterbinden konnten, weil alle sofort in Quarantäne gezogen sind. So haben wir den Dienst abgedeckt. Viele von uns haben in der Einrichtung übernachtet, einfach, weil die Anfangszeit schwierig war, weil viele Bewohner Fieber hatten, es waren viel Arztkontakte nötig, es mussten viele Bedarfsmedikamente verabreicht werden. Da war es immer gut, dass auf jeden Fall eine Fachkraft noch im Dienst war. Quasi als Bereitschaft, falls es in der Nacht doch stressig wird, dass man immer noch jemanden hat, der zusätzlich helfen könnte. Es wurde aber zum Glück nie gebraucht.

Hat sich der Teamgeist in der Mitarbeiterschaft in den letzten Wochen verbessert?

Ich würde sagen ja, definitiv. Der Teamgeist hat sich ziemlich verbessert, nachdem jeder wusste, wir sitzen alle im gleichen Boot. Es ging dann nicht mehr darum, wer schafft welches Wochenende oder wer schafft welchen Feiertag, sondern jeder hat sich einfach ein Herz gefasst und war ohne Diskussion da, war im Dienst. Wir haben super zusammengearbeitet, damit auch alle gleichzeitig fertig waren, weil jeder wusste, wie wichtig der Feierabend nach einer 20 Stunden Schicht ist. Und was für uns ganz wichtig war, wenn abends alle versorgt und im Bett waren, uns noch einmal eine halbe Stunde hinzusetzen und miteinander zu reden. Einfach für die Psyche, auch weil es für uns schwer war, weil keiner wusste, was kommt, keiner wusste, was passiert mit den Bewohnern, wie viele verlieren wir, wie schlimm wird es noch, ist es nur der Anfang? Wir haben nicht nur gemeinsam gelacht, sondern auch gemeinsam geweint und getrauert um unsere Verstorbenen, um unsere Erkrankten, denen es nicht so gut ging, und aufgrund der Belastung durch die ständige Ungewissheit, was die Zukunft noch bringt. Deshalb war es uns dann abends immer wichtig, uns nochmal für eine halbe Stunde zusammen zu setzten, auch mal Corona Corona sein zu lassen und uns schöne Geschichten zu erzählen, um einfach auch die Positivität zu behalten. Und ich denke, das ist uns in dieser Zeit ganz gut gelungen - jeden Tag aufs Neue positiv zu verbringen und auch den Bewohnern über unseren Teamgeist diese Positivität zu übermitteln.

Konnten Sie bereits eine größere Wertschätzung und vielleicht sogar Unterstützung von außen wahrnehmen?

Die größeren Wertschätzungen und Unterstützung von außerhalb sind der Wahnsinn. Wirklich, wir haben so viele Briefe, gemalte Bilder und Karten bekommen, wir haben Körbe bekommen, wir haben eine Familie, die bringt uns jeden Tag Frühstück, einfach um uns zu unterstützen, wir kriegen Eis und Getränke gebracht ... Ja, jeder hilft, wo er kann, auch die Angehörigen – das macht uns ganz glücklich und es geht uns wirklich wirklich gut. Es wird für uns geklatscht, ein Schwiegersohn kommt manchmal vorbei und spielt Trompete vor dem Haus, einfach um uns ein bisschen aufzuheitern, um die Bewohner aufzuheitern. Also wirklich, die Wertschätzung von allen Seiten ist enorm, das muss man an dieser Stelle sagen. Viele Angehörige rufen auch an, einfach nur um sich zu bedanken. Das ist wirklich schön und rührt uns auch ganz oft zu Tränen, zum Beispiel wenn sich jemand hinstellt und uns Brötchen schmiert und sie an Karfreitag so verpackt und vegetarisch herrichtet, damit wir etwas zur Frühstückspause haben. Es kamen ganz nette Gesten dabei raus und wir wissen das wirklich sehr zu schätzen. Am Anfang hatten wir ehrlich gesagt nämlich ein bisschen Angst, wie Außenstehende reagieren, besonders wenn Angehörige von Corona betroffen waren. Am Anfang haben wir uns auch gefühlt, als hätten wir etwas falsch gemacht. Aber wir hatten nur positive Unterstützung von außerhalb und darüber sind wir sehr sehr froh.

Gibt es etwas, was Sie gerne noch aussprechen möchten?

Ich bin froh, dass die ganze Situation so gut gemeistert werden konnte. Ich bin froh, dass unser Team so gut gehalten hat, dass man sich auf jeden Einzelnen verlassen konnte, auch in Reinigung, Beschäftigung und Hauswirtschaft, alle haben mitgeholfen. Unsere Einrichtungsleiterin Frau Pröschel hat es super gestemmt, der Kontakt mit dem Gesundheitsamt war ganz eng und auch mit Dr. Michl, der sich bereit erklärt hat, die volle Versorgung zu übernehmen. Wir konnten ihn rund um die Uhr auch auf dem Handy anrufen, das war sehr viel wert, wenn es um Krankenhauseinweisungen und ähnliches ging, da wurde immer super schnell reagiert. Wir wurden nie alleine gelassen, es war immer jemand an unserer Seite, der uns auch bestärkt hat, sei es von Herrn Göbel aus der Geschäftsleitung im Diakonischen Werk, sei es von den Angehörigen, sei es von den Mitarbeitern, die sich gegenseitig gestützt haben, und auch von den Bewohnern, die sich ganz oft bei uns bedankt haben, dass wir in dieser Zeit für sie da sind.
Wir trauern aber natürlich auch um die Verstorbenen aus unserer Einrichtung, fühlen mit ihren Angehörigen und sind noch immer bestürzt über die Entwicklungen der vergangenen Wochen.
Rückblickend würde ich sagen, es war eine harte Zeit, aber wir haben sie gut gemeistert und ich denke, wir gehen gestärkt aus ihr hervor.
Zum Abschluss möchte ich mich bei allen bedanken, die sich so liebevoll um uns gekümmert haben, die uns den Rücken gestärkt haben, von Dr. Michl und den anderen Hausärzten, über das Gesundheitsamt und die drei neuen Ehrenamtlichen bis zu den Angehörigen. Das war so unsere Zeit, ist unsere Zeit, jetzt klingt es langsam ab.